Märchenhafte Tiergeschichten von Ostfriesland bis Kanada

In meinem zweiten Buch begeben wir uns erneut auf eine fantasievolle Weltreise. Diesmal führen uns verschiedene Geschichten von Ostfriesland bis Kanada.

Wir fliegen über das Wolfsmeer und eine ostfriesische Insel;

buddeln im Wattenmeer; treiben am Wolkenhimmel usw.

Immer begleitet von den unterschiedlichsten Geschöpfen:

dem Wattwurm Hinnerk im Sande, der Möwe Fenna van´t Diek, dem Kuscheltier Susi, der Katze Cleopatra und dem Glückself Eve ...

Märchenhaftes für die ganze Familie!


Leseprobe:

Drei-Wort-Susi

Eines Morgens war sie einfach da. Als ich wie üblich gegen acht Uhr in die Küche ging, um mir einen Kakao zu machen, saß sie mitten auf dem Küchentisch.

Sie hatte sehr viel Ähnlichkeit mit einem Hamster. An ihrem Hals trug sie eine alberne Kette, auf der mit großen Buchstaben “Susi“ stand.

Gut, also sie heißt Susi, dachte ich schlaftrunken. Aber wie um alles in der Welt war sie ins Haus gekommen?

Ich kontrollierte schnell die Eingangstür, aber sie war wie immer zweimal verschlossen, und ich hatte abends sogar noch zusätzlich den Riegel vorgeschoben.

Susi sah mich mit ihren großen, fast schwarzen Augen an. Ihr Mund war merkwürdig verzerrt.

Ich weiß es bis heute nicht, ob sie freundlich lächelte, etwas überheblich war oder einfach nur dümmlich grinste.

Als sie das erste Mal den Mund aufmachte, um etwas zu sagen, gab sie mit ihrer piepsigen Stimme nur drei Worte von sich:

„Wie heißt du?“                                             

Ich war so verdattert, dass ich, wie bei einer Vorstellungsrunde üblich, stammelte:

„Ich heiße Tom, bin 22 Jahre alt und studiere Philosophie.“

Meine Stimme klang dabei etwas schroff. Eigentlich war ich ja ein ganz netter Kerl. Aber ich war halt ein Morgenmuffel und außerdem brauchte ich zuerst einen großen Becher Kakao.

Und so zog Susi bei mir ein. Ich hatte zwar seit meiner frühesten Kindheit diverse Stofftiere gehabt, die auch immer genauso plötzlich aufgetaucht waren, aber jetzt, als Erwachsener? Naja, eigentlich fühlte ich mich noch gar nicht so.

Unglaublich, ich saß tatsächlich hier am Küchentisch und unterhielt mich mit einem hamsterähnlichen Kuscheltier. Und ich war auch noch davon überzeugt, dass es alles verstand, was ich ihm sagte, und dass es sogar darauf antwortete.

Meiner Mutter wäre diese Situation bestimmt peinlich gewesen, und ich stellte mir gerade vor, was sie jetzt wohl sagen würde:

„Kind, was sollen bloß die Nachbarn von dir denken?!“

Bei diesem Gedanken musste ich schmunzeln. Trotzdem wanderte mein Blick unwillkürlich in Richtung Küchenfenster, aber das Nachbarhaus wirkte zu dieser Zeit noch unbewohnt.

Früher hatte ich meistens einen kleinen braunen Plüschteddy mit mir herumgeschleppt, doch der hatte stets geschwiegen. Aber es genügte mir damals schon vollkommen, wenn er mich nur mit seinen dunklen Knopfaugen ansah. Dann ging es mir schon viel besser.

Und jetzt war Susi da. Bereits nach kurzer Zeit fiel mir auf, dass sie eine merkwürdige Eigenschaft besaß:

Sie sprach grundsätzlich nur in Drei-Wort-Sätzen - wie ein Kleinkind. So stand für mich sehr schnell fest:

Susi ist dumm!

„Gibt es Essen?“, fragte sie plötzlich.           

Ich gab ihr ein wenig Müsli. Es sah zwar nicht danach aus, dass sie sich etwas davon in den Mund stopfte, aber sie verursachte zumindest ein unangenehmes Schmatzen. Stunden später bildete ich mir noch immer ein, dieses Geräusch zu hören, obwohl der Tisch längst abgeräumt war.

Ich nahm mir vor, ein Müsli im Internet zu kaufen, das man selbst zusammenstellen konnte. Dabei wollte ich darauf achten, dass die einzelnen Zutaten beim Kauen nicht so schreckliche Geräusche verursachen würden.

Am Abend, als ich von der Uni heimkam, war Susi verschwunden. Ich schaute überall nach, sogar auf dem Balkon, den ich von meiner Küche aus erreichen konnte, aber sie blieb unauffindbar.

Es war kaum zu glauben, aber ich begann bereits, sie zu vermissen.

Am nächsten Morgen war Susi wieder da. Genauso wie beim ersten Mal saß sie stumm, mit leicht verzogenem Gesicht, auf dem Küchentisch und schaute mich erwartungsvoll an.

„Hallo Susi!“, sagte ich ganz freundlich, so als ob ich eine alte Freundin begrüßen würde.

Susi erwiderte:

„Guten Morgen, Tom!“

Danach machte sie sich über das Müsli her, das ich ihr schnell hingestellt hatte. Und sie gab wieder diese schrecklichen Knabbergeräusche von sich. Sogar das hatte ich während ihrer Abwesenheit vermisst.

So blieb sie eine Zeit lang bei mir.

Eines Tages, es war kurz vor Weihnachten, fragte ich Susi, ob sie sich auch etwas wünschen würde.

Sie guckte mich mit ihrem merkwürdigen Gesichtsausdruck an und piepste:

„Ich brauche nichts!“

Ich wollte gerade widersprechen, aber ich kannte sie bereits gut genug, um zu wissen, dass sie jetzt sowieso wieder fürs Erste schweigen würde.

Eine Stunde später murmelte sie:

„Fest der Liebe!“

Naja, was sollte ich darauf entgegnen. Das hatte sie sicher irgendwo aufgeschnappt.

Abends schob ich mir meistens eine Tiefkühlpizza in den Ofen und gab Susi das Müsli, das ich vor kurzem aus einem Internet-Shop erhalten hatte.

Für einen Hamster müsste es eine wahre Delikatesse sein, vermutete ich, aber Susi kaute seit Tagen gelangweilt auf dem furchtbar teuren Müsli herum. Vielleicht hatte ich mich ja auch geirrt und sie war gar kein Hamster.

Eines Tages sagte sie:

„Kochst du nie?“

„Nö, “ antwortete ich, „lohnt nicht. Viel zu aufwendig. Das Kochen dauert Stunden, und dann esse ich es in fünf Minuten auf.“

„Kochen macht Spaß!“, entgegnete Susi.

Mann, manchmal konnte sie mir so richtig auf die Nerven gehen. Aber zum Glück war sie meistens wortkarg.

Die Abende verbrachte ich fast immer in einem gemütlichen Fernsehsessel und zappte dabei wahllos herum. Gelegentlich schimpfte ich lauthals über das Fernsehprogramm. Susi lag oftmals direkt neben mir auf der Armlehne.

Als ich mich wieder einmal über das Fernsehprogramm aufregte, bemerkte ich, dass Susi ihre Augen verdrehte und murmelte:

„Kannst doch abschalten!“ Dabei wirkte sie auf mich wie ein fieser kleiner Besserwisser. Das hatte mir gerade noch gefehlt: ein Mitbewohner, der mir Ratschläge gab!

„Ratschläge sind auch Schläge!“, grummelte ich böse und registrierte dabei, dass ich, im Gegensatz zu Susi, nicht einmal imstande war, mit drei Worten auszukommen.

„So ein Quatsch“, knurrte Susi. Und nach einer langen Pause:

„Wer sagt das?“

„Hab ich mal von einem Lehrer gehört. Vielleicht ist das auch Quatsch. Er schien sein Wissen sowieso nur aus Büchern zu haben.“

Am nächsten Abend, als ich mich erneut über das Fernsehprogramm ärgerte und dabei laut schimpfte, sagte Susi plötzlich:

„Lies doch mal!“

Ich dachte: gar keine so schlechte Idee. Ich musste zwar für die Uni viele Fachbücher durcharbeiten, aber ich hatte schon lange nicht mehr spaßige oder spannende Geschichten gelesen. Doch in diesem Moment konnte ich das vor Susi natürlich nicht zugeben, ohne mein Gesicht zu verlieren.

Aber der Gedanke ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Und in den nächsten Tagen begann ich, ein altes Märchenbuch zu lesen. Eigentlich eine schöne Sache, musste ich mir eingestehen, dabei konnte ich wunderbar abschalten.

„Lies doch laut“, piepste Drei-Wort-Susi eines Abends. Und nach einer halben Ewigkeit:

„Macht sicher Spaß!“

Sie wirkte auf mich sogar etwas neugierig. Sicher war ihr nicht entgangen, dass ich während des Lesens ab und zu geschmunzelt hatte und manchmal sogar laut lachte.

So fing ich an, ihr jeden Abend etwas vorzulesen, vorzugsweise kurze Geschichten, und Susi kuschelte sich dabei in eine Decke ein und schnurrte so entspannt wie ein Kätzchen. Ich spürte, dass mir das Vorlesen auch gut tat.

Und noch etwas geschah: Susi und ich wurden immer vertrauter miteinander. Ich begann mich auf die Abende mit ihr zu freuen.

Ich glaube, ihr ging es genauso. Eigentlich war sie doch ein ganz angenehmer Mitbewohner. Sie konnte sehr gut zuhören, sie war genügsam und redete nur, wenn sie es für wichtig hielt. Vielleicht war sie gar nicht so dumm, wie ich anfangs gedacht hatte.

Zu meiner eigenen Überraschung fing ich sogar an, regelmäßig Essen zu kochen. Ich musste zugeben: Es machte tatsächlich Spaß.

Ich konnte dabei die Lebensmittel verwenden, die mir am besten schmeckten. Auch probierte ich ab und zu neue Gerichte aus. Und ich war richtig stolz auf mich, wenn mir wieder einmal ein Essen gelungen war oder mich meine Freunde, die ich gelegentlich dazu einlud, lobten.

Und wenn Susi dann noch sagte:

„Man kann es essen!“, und dabei  v i e r  Worte brauchte statt drei, dann ahnte ich, dass es aus ihrer Sicht das höchste Lob war – mehr ging wirklich nicht.

Eines Tages war sie wieder verschwunden. Ich wartete noch eine Zeit lang auf ihre Rückkehr, aber ich hatte gleich so eine Ahnung, dass sie nicht wiederkommen würde.

Ich glaube, Susi hat ein ganz feines Gespür dafür, wo sie gerade gebraucht wird. Vielleicht sitzt sie in diesem Moment in irgendeiner Wohnung auf dem Küchentisch und redet in Drei-Wort-Sätzen. Oder vielleicht gibt es auch andere Kuscheltiere, Haustiere oder Menschen, die so gut zuhören können wie Susi …

 

 

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