Die vierzehn kurzen Geschichten mit Tieren in diesem Buch ermöglichen ideale Lesesituationen für Kinder im Grundschulalter - die abendliche Vorlesegeschichte zur Guten Nacht, die ersten selber zu lesenden Tierabenteuer des Kindes und auch kleine Erzählungen zum gemeinsamen Sprechen in Familie, Schule und Kirchen-Kindergruppe. Sich gemeinsam am Handeln der Tiere freuen und mit ihnen das Abenteuer Leben bestehen, tolle Geschichten ohne erhobenen Zeigefinger, die auch Erwachsene gelegentlich gerne allein in die Hand nehmen.

 

 

 

 

 

 

 

ISBN 978-3-86685-680-6

120 S. - 10,80 Euro

http://www.geest-verlag.de

 

Leseprobe:

 

Ostfriesland - wo Möwe und Wattwurm "Moin" sagen

Diese Geschichte handelt von einer Silbermöwe, die auf einer ostfriesischen Insel lebt. Sie heißt Fenna van‘t Diek und sitzt zumeist auf einem Poller direkt am Strand, immer bereit, Mensch und Tier vor einer möglichen Sturmflut oder vor anderen Katastrophen zu warnen. Sie neigt zu Übertreibungen, denn bei etwas stärkeren Böen oder einsetzendem Regen oder Schneefall fliegt sie sofort laut kreischend über die Insel, bevor sie sich selbst ins Binnenland verzieht. 

   Fenna van‘t Diek gehört zur Insel wie der Strand mit seinen Muscheln, und sie selbst kann sich auch keinen schöneren Ort zum Leben vorstellen. Sie ist mit den unterschiedlichsten Tieren befreundet. Manchmal wird sie deshalb sogar von den anderen Vögeln verspottet, denn zu ihren Freunden zählt auch Hinnerk im Sande, ein kleiner Wattwurm. 

   Hinnerk unterscheidet sich von den anderen Wattwürmern durch seine giftgrüne Farbe. Und das ist sein Glück, denn die meisten Vögel, von denen es Unmengen auf der Insel gibt, glauben, er sei giftig.    

   An einem Sommermorgen, es war bereits recht warm, saß die Möwe Fenna wieder einmal auf ihrem Poller und beobachtete das Wetter nach ihrem ganz eigenen Ritual. Zuerst beäugte sie den Himmel mit den Wolken, danach hob sie einen Flügel, um die Windstärke zu prüfen, anschließend betrachtete sie eingehend die Wellen. Heute schien die Sonne an einem strahlend blauen Himmel, der nur von wenigen schneeweißen Wolken bedeckt war – eben ein typisch ostfriesischer Himmel.  Die See war relativ ruhig und so beschloss Fenna, ihren Aussichtsposten zu verlassen, um ihren Freund Hinnerk im Sande zu besuchen. Außerdem konnte sie sich bei einem Flug etwas Abkühlung verschaffen. Es war noch Ebbe, und mit etwas Glück würde sie ihn schnell aufspüren.

   Der kleine Wattwurm hatte Fenna bereits entdeckt. Er lugte neugierig aus dem Watt hervor und erkannte seine Möwenfreundin sofort, denn sie war die einzige Möwe, die stets einige beachtliche Loopings drehte, bevor sie eine formvollendete Landung hinlegte. 
Hinnerk wollte gerade freudig auf sie zu kriechen, als ihm eine kleine, braune Strandkrabbe für einen kurzen Moment den Weg versperrte, um gleich darauf seitwärts davonzulaufen. Die Krabbe schien von einem anderen Planeten zu kommen, denn kein anderes Tier hatte eine so eigenartige Gangart. Dabei blubberte sie unverständliches Zeug und war mit einem Mal blitzschnell verschwunden.

   Nach dieser Störung begrüßten sich Fenna und Hinnerk wie alle Insulaner zuerst mit einem freundlichen „Moin“. Fenna begann danach, sofort über das Wetter zu jammern. Sie krächzte: „Oh Mann, is‘ das wieder heiß heut. Un morgen gibt’s bestimmt ‘n Unwetter.“ 

   „Jaja, irgend‘n Wetter gibt‘s immer“, murmelte Hinnerk kaum hörbar und grinste. Er kannte die Möwe schon sehr lange und hatte sich daran gewöhnt, dass sie eigentlich immer nur über das Wetter sprach. Sie saßen noch eine Weile schweigend nebeneinander im Watt, bis sich Fenna wortlos erhob und davonflog. 

  Im Gegensatz zu der Möwe fand der Wattwurm jedes Wetter gut, denn er konnte immer nach Herzenslust im Schlick buddeln. Überhaupt war er davon überzeugt, dass er das beste Leben von allen Tieren hatte. Er mochte sogar das manchmal recht raue Klima der Nordsee und den Wechsel der Gezeiten. Zweimal täglich gab es Ebbe und Flut. Bei Ebbe wurde Hinnerk so richtig aktiv. In dieser Zeit zog er unermüdlich seine Bahnen. 

   Ab und zu legte er dabei eine Pause ein und beobachtete die Menschen, die auf dem Meeresboden laufen konnten, wenn das Wasser in Richtung Horizont verschwand. Die Menschenkinder entdeckten dabei viele Muscheln und andere Schätze, die das Meer bei dieser Gelegenheit freigab. Wenn die Flut alles überschwemmte, buddelte Hinnerk sich ein und wartete solange, bis die nächste Ebbe kam. Dann hielt er meistens einen ausgiebigen Schlaf. 

   Sein Leben war so abwechslungsreich und spannend wie die Gezeiten. Doch das sollte sich bald ändern ...