Wenn die Chemie stimmt ...

können schöne Dinge entstehen. Das sehen jedenfalls die Autorin Ingrid Ihben und der Illustrator Holger Waldau so: Zwischen ihnen stimmte die künstlerische Chemie. Entstanden ist daraus ein Buch für alle Leser, die jung sind oder sich noch etwas von ihrer Kindheit bewahrt haben. Die Emder Zeitung sprach mit den beiden. Text und Foto von Dirk de Vries, Zeichnungen von Holger Waldau.

 

 

 

Klinkenputzen gehört dazu, das sagt der 40-jährige Emder Holger Waldau. Auf die Leute zugehen, damit die sein Talent verwerten. Holger Waldau liebt das Zeichnen. Macht es eigentlich schon seit der Schulzeit. Damals hat er die Kladden seiner Mitschüler vollgemalt. Losgelassen hat ihn das Zeichnen nie. Immer wieder kann er es irgendwie anwenden. In den letzten Jahren entstanden so einige künstlerische Arbeiten für Freunde, Bekannte oder auch Institutionen. In seiner Freizeit entwirft er Logos, T-Shirt Aufdrucke und vieles andere mehr. Oder er bebildert Bücher. "Na, ja. Zwei kleine waren es bis jetzt." Seine "Kunden" erfahren nur über Mundpropaganda von ihm. Oder er muss eben selbst Klinken putzen.

Auf diesem Wege lernte er Ingrid Ihben kennen - 2013 auf der Hobbybörse in der Nordseehalle. Beide teilen eine besondere Leidenschaft. Bei Waldau ist es das Malen, bei Ihben das Geschichtenerzählen. Geschichten für Kinder, aber auch für Erwachsene, die sich etwas von ihrer Kindheit bewahrt haben. Holger Waldau hatte sich Gedanken zu ihren Büchern gemacht und etwas dazu gezeichnet. Ob sie nicht jemand bräuchte als Illustrator? Leider nicht, jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt. Denn sie arbeitete aktuell an keinem Projekt.

Ein Jahr später, ebenfalls auf der Hobbybörse, kam Holger Waldau erneut mit der 59-jährigen Autorin ins Gespräch. Sie präsentierte dort ihr drittes Werk. Er wollte ihr seine zeichnerischen Gedanken zu ihren Büchern überlassen. "Ich dachte, ich brauche sie nicht mehr und so hat Ingrid etwas, woran sie sich vielleicht noch einmal erinnert", sagt er.

Dieser Gedanke war goldrichtig. Denn die Illustratorin, die Ingrid Ihben für ihr mittlerweile viertes Buch an der Hand hatte, sagte ab. So kam Holger Waldau wieder ins Spiel. Der fand in seinem elektronischen Postfach eine Nachricht der Autorin. Mit der Rohfassung des vierten Buches. Und in der E-Mail stand eine entscheidende Frage: Sie suche für ihr neues Buch ein gezeichnetes Tier, das von einem außerirdischen Planeten stammen und irgendwie an eine Mischung aus einem Pinguin und einer Ente erinnern solle. Ob Holger Waldau sich nicht daran versuchen wolle?

Der wollte, und wie! Waldau hatte sofort eine gute Idee. Noch am gleichen Tag machte er sich in seiner Freizeit ans Werk. Trotz des stressigen Jobs, aber "zeichnen ist für mich Entspannung, da kann ich abschalten". Was Illustrator Waldau Ingrid Ihben dann schickte, haute sie um. "Ich habe bei den ersten Skizzen erkannt, dass eine Zusammenarbeit klappen wird", sagt sie.

Tuffeltaffel heißt das Wesen, dessen textliche Bescheibung Waldau zeichnerisches Leben einhauchte. Tuffeltaffel ist vom Planeten Tufftaff. Er kann sich alles wünschen, was er will, und jeder Wunsch geht in Erfüllung. Mit der Zeit merkt er aber, dass er immer unzufriedener wird, je mehr er sich wünscht. Schließlich wünscht er sich einen Traum. Und darin erfährt er von Tieren den wahren Wert des Lebens. Zum Schluss macht ihm eine Schildkröte klar, dass es nicht wichtig ist, was man besitzt, sondern dass am Ende nur die Zeiten zählen, die man mit einem liebenden Herzen verbracht hat.

"Ich habe mir so meine Gedanken gemacht über die Welt, das Materielle, was anscheinend hauptsächlich zählt, und was das Leben eigentlich ausmachen sollte", sagt Ingrid Ihben. Schnell kam ihr aber der erhobene Zeigefinger in die Quere. Das wollte sie nicht. So entstand die Idee zu der Geschichte. Dort erklären Tiere Tuffeltaffel Werte wie Liebe, Freundschaft und Mitgefühl. Werte, die auch die Autorin für wichtig, für entscheidend im Leben hält. "Ich transportiere gerne meine Botschaft über die Tiere." Diese Erzählform liege ihr besonders, sagt sie.

Aus einem losen Gespräch in der Nordseehalle wurde eine Zusammenarbeit. Eine fruchtbare. Denn die Autorin merkte sofort, das sagt sie ohne nachzudenken, dass Holger Waldau ein Gespür für ihre Figuren hatte. Und er antwortet: "In diesem speziellen Fall wusste ich allerdings auch ganz schnell, wohin die Reise zeichnerisch geht."

Holger Waldau zeichnete also im Oktober 2014 munter drauflos. Eine Idee jagte die nächste. Beide ergänzten und bestärkten sich in den folgenden Wochen. Ingrid Ihben feilte weiter an ihrer Geschichte, Holger Waldau an seinen Zeichnungen. "Ich selbst fand meine Zeichnungen erst zu kindisch." Holger Waldau ist sich selbst gegenüber immer kritisch. Er braucht auch immer eine Nacht, um seine Zeichnung sozusagen sacken zu lassen. Ist er am nächsten Tag immer noch zufrieden, geht es weiter. Ingrid Ihben ist mit der Kritik an ihm deutlich zurückhaltender. Sie redet von einem Glücksfall, dass sie Waldau kennengelernt hat und als Illustrator gewinnen konnte. Es ist eine gute Symbiose zwischen ihnen, sagen beide unisono.

"Ich habe nur meinen Text und meine Gedanken", sagt Ingrid Ihben. Sie hat eigene zeichnerische Ideen. "Doch Holger hat noch einmal einen ganz anderen Blick auf die Geschichte." Vielleicht liegt die Ursache im Altersunterschied zwischen den beiden. Vielleicht sind es die Gutenachtgeschichten, die Holger Waldau seiner zehnjährigen Tochter erzählt, und vielleicht ist er deshalb zeichnerisch noch näher dran an solchen Figuren. Die Bilder flossen ihm nur so aus den Fingern.

Und eigene Gedanken hatte er auch. "Eigentlich waren wir fast immer einer Meinung", sagt die Autorin. Selbst wenn Waldau eine Szene zeichnerisch nach eigenen Gedanken umsetzte. Oder Tuffeltaffel einfach drei Federn auf den Kopf malte. "Das war sozusagen meine künstlerische Freiheit und der außerirdische Touch." Manche Szenen hat er ganz weggelassen. "Da muss und vor allem soll sich der Leser selbst ein Bild machen." Uneins waren sie sich aber über den Buchumschlag. Holger Waldau schlug vor, Tuffeltaffel auf Kissen schlafend nach vorne zu nehmen. Das erinnerte Ingrid Ihben allerdings zu sehr an Gutenachtgeschichten. "Es ist aber nicht nur ein Buch zum Vorlesen am Abend." Auch für Erwachsene sei die Geschichte empfehlenswert.

Die Buchumschlagsfrage ist geklärt. Denn mittlerweile ist das Werk auf dem Markt. Ingrid Ihben wird auch in diesem jahr wieder auf der Hobbybörse präsent sein (17. und 18. Oktober in der Nordseehalle), und Lesestunden abhalten. Ansonsten gehen beide wieder ihrer gewohnten Arbeit nach. Gibt es weitere Pläne einer Zusammenarbeit? "Ich würde gerne noch einmal etwas für Ingrid machen, denn es hat mir sehr viel Spaß gemacht", sagt Holger Waldau. Auch die Autorin sieht es so. "Wenn ich denn noch ein weiteres Buch schreibe, kann ich mir ebenfalls gut vorstellen, noch einmal Holger zu fragen, ob er es wieder illustriert."

Denn wenn die Chemie stimmt, können schöne Dinge daraus entstehen.

(Originaltext der Emder Zeitung vom 17. Oktober 2015)